November 1989

November 1989

November 89 - ein Schicksalsmonat für alle, die ehrlichen Herzens ein besseres Deutschland wollten.
Es fällt mir schwer, über diese Zeit zu schreiben. Da kommen Erinnerungen hoch, die noch heute bei mir Enttäuschung und Wut auslösen.
Enttäuschung und Wut über die Monate - lange Sprachlosigkeit der Parteiführung der SED und die Unfähigkeit der Partei, die schwierigen Probleme des Landes in den Griff zu bekommen.
Enttäuschung und Wut darüber, dass die eigene Partei eben nicht immer Recht hatte und dass sie selbst einen gehörigen Anteil an der Entstehung der Probleme in der DDR hatte.
Enttäuschung und Wut darüber, dass ein gewissenloser Karrierist wie Schabowski am 9. November mit seiner lapidaren Mitteilung auf einer Pressekonferenz den Weg ebnen konnte für das, was 1961 durch die Grenzschließung verhindert worden war.
Enttäuschung und Wut über den Verrat Gorbatschows, der die DDR an die BRD verhökert hat und später der Weltöffentlichkeit verkündete, dass die Vernichtung des Kommunismus sein Lebensziel gewesen sei.
Enttäuschung und Wut darüber, dass sich ausgerechnet Hans Modrow zum „Leichenbestatter der DDR" benutzen ließ.
Der November 89 wurde für mich zu einem Schicksalsmonat, weil in diesem Monat für die weitere Existenz der DDR, die zu meiner politische Heimat geworden war, entscheidende Ereignisse stattfanden, die letztendlich zu ihrem Untergang geführt haben.
Da gab es am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz eine Protestdemonstration, an der ca. 500 000 Menschen teilgenommen haben. Hier wurde deutlich, dass ein „weiter so wie bisher" nicht  mehr geben durfte. Den meisten Demonstranten ging es damals nicht um die Abschaffung der DDR, sondern um deren Erneuerung.
Am 7. November erlebten wir den Rücktritt der DDR-Regierung unter Willi Stoph. Seine Regierung war nicht mehr in der Lage, den Erneuerungsprozess durchzuführen. Sie hatte das Vertrauen der DDR-Bevölkerung verloren.
Am 9.November gab es eine Pressekonferenz mit Schabowski zu Fragen eines neuen Reisegesetzes. Schabowski bemerkte beinah nebenbei, dass die Grenze geöffnet werde. Auf die Frage eines Journalisten ab wann die Grenze offen sein soll, antwortete er, „na ab sofort“.
Ich war entsetzt. Die Grenzer waren nicht informiert. Was wäre geschehen, wenn die Grenzer ihren Auftrag erfüllt und die Übergänge nicht freigegeben hätten?
Die Übernahme der Regierungsgewalt durch Hans Modrow am 13. November erweckte in mir sehr zwiespältige Gefühle. Hans Modrow war der Vertreter einer Generation, die für mich Vorbild war, die mir das politische Denken beigebracht hat. 1961 wurde ich Mitglied der FDJ. Damals habe ich mit den Erkenntnissen von Marx, Engels und Lenin Bekanntschaft gemacht. Leute wie Modrow haben schon in jungen Jahren mein Leben entscheidend geprägt.
Von meinen Großeltern kannte ich die Redewendung: „lieber bis zum Ende unserer Tage trocken Brot essen, als noch einmal Krieg erleben zu müssen“!
Ich habe das Wesen des Kapitalismus und die Ursachen für die zwei von Deutschland entfesselten Weltkriege begriffen und auch begriffen, dass der Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung die gerechteste Sache der Welt ist und daran wollte ich teilhaben.
Für mich gab es damals nichts größeres, als Schmelzer im Edelstahlwerk „8. Mai 1945“ in Freital bei Dresden zu werden.
Die Berufsausbildung fand neben der Berufsschule unmittelbar in der Produktion statt.
Ich habe also praktisch erlebt, wie die Schmelzer 1963 um die qualitätsgerechte Planerfüllung gerungen haben.
Ich war „stolz wie ein Spanier“ einen kleinen Beitrag dazu an meinem Ofen geleistet zu haben.
Ich sage bewusst „an meinem Ofen“, weil ich mit jeder Faser meines Seins das Gefühl und das Bewusstsein hatte – der Ofen, das Stahlwerk – das ist meins!

Ein alter Schmelzer hat mir erzählt, wie der so genannte Volksaufstand am 17. Juni 1953 im Stahlwerk ablief. Da tauchte eine Hand voll junger Leute auf, die wollten, dass gestreikt wird und dass die Schmelzöfen abgeschaltet werden. Den Schmelzprozess zu unterbrechen, war völlig unmöglich – aber die wollten das so. Einige Schmelzer haben dann diesen Leuten gezeigt, wer der Herr im Hause ist - man hat denen kräftig in den A … getreten und sie aus dem Stahlwerk gejagt.
Als ich 19 war, musste ich mich entscheiden – Ingenieurschule für das Hüttenwesen oder Offiziersschule der NVA. Der alte Schmelzer war es dann auch, der mir zugeraten hat, Berufsoffizier zu werden.
Bei der Verabschiedung von meiner Brigade haben mir die Kumpel auf den Weg gegeben: „mach deine Sache gut und vergiss nie wo du hergekommen bist“.
Ich habe es nie vergessen!
Ich habe einen Eid auf die DDR geschworen und konnte ihn am Ende doch nicht erfüllen.
Deshalb ist der 9. November 89 für mich der „schwärzeste Tag“ meines Lebens.

DEA

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